Fotos © Matthias Kimpel
Nummer 30 vom 7. bis 10. Juli 2022
Nach dem Festival 2019 ging es emsig an die Ausgabe 2020: 30-Jahre-Jubiläum! Länderschwerpunkt Deutschland!! Doch dann kam, was nicht wirklich hätte kommen müssen, und wir planten bis Ende März 2020 und mussten dann absagen, und wir planten bis Ende März 2021 und mussten erneut die Segel streichen. Erst 2022 hatte sich die Corona-Pandemie-Lage soweit stabilisiert, dass wir wieder ein Festival durchführen konnten. Die Stimmung war schon im Vorfeld merkwürdig: Freude, dass es wieder losging, aber auch Unsicherheit, wie es werden würde; eine unglaublich hektische Vorbereitung, weil der Entscheidung pro Festival erneut erst Ende März fiel, massive Kostensteigerungen, vor allem bei der Technik, ebenso massive Personalprobleme – nach dem Festival war jeder im Team überzeugt. „Nochmal tue ich mir das nicht an!“
Dabei war das Festival eigentlich ganz schön. „Irgendwie hat sich’s angefühlt wie im Paradies!“ schrieb sogar der Straßenmusiker Axel Nagel, und Kamancheh-Virtuose Misagh assistierte: „Es ist schwer zu beschreiben, wie wir uns in Rudolstadt gefühlt haben und was wir dort erlebt haben. Überwältigend war es!“
Luftiger war es auch, denn wir hatten im Vorfeld die Zahl der Dauerkarten von 25 auf 20.000 gesenkt. Und selbst die waren erstmals seit Jahren nicht alle weggegangen. Aber den Besuchern, die da waren, hatte das Festival gefehlt. Trotz Pandemie und Krieg in der Ukraine und wirtschaftlicher Unsicherheit. Sie waren froh, für vier Tage von alldem mal abschalten zu können. Bspw. beim Länderschwerpunkt Jugoslawien mit Musik aus allen sieben ehemaligen Teilrepubliken, manche erwartbar und deswegen gefeiert, andere überraschend und ebenso bejubelt. Oder bei der Verleihung der nun nur noch einen RUTH: nachträglich an die Kölner Weltmusik-Pioniere vom Humba e.V. (nachgeholt von 2020), aktuell an den Journalisten Christoph Dieckmann. (Für das ausgefallene Festival 2021 wurde keine Trophäe verliehen.)
Am Euroradio Folk Festival nahm Russland nicht teil; dafür hatten wir mit Pussy Riot eine ausgesprochen Putin-kritische Kapelle eingeladen, was ein Besucher schon im Vorfeld mit dem Satz kommentierte: „Rudolstadt, ich bin stolz auf Euch!“ Und kurzfristig hievten wir auch noch ein großes Ukraine-Konzert (auf dem Markt) mit mehr als ein Dutzend in Deutschland lebenden MusikerInnen rund um die Sängerin Mariana Sadovska ins Programm, das sehr nachdrücklich unterstrich, dass die Ukraine jeden Grund hat, als staatliche und vor allem kulturelle Entität fortzubestehen.
Es gab darüber hinaus großartige Konzerte, interessante Workshops, manche Holprigkeit in der Organisation und mehrere Besucher, die mit einer frischen Corona-Infektion nach Hause fuhren (beklagt hat sich keiner – war eben so!). Am Ende überwog jedoch einfach Erleichterung, dass es stattgefunden hatte. Neustart geglückt. Das Rudolstadt-Festival lebte und konnte weitergehen!