Fotos © Kai Eisentraut

Nummer 29 vom 4. bis 7. Juli 2019

Schon zweimal, 1994 sowie 2010, war Rudolstadt Austragungsort des EBU Contemporary Folk Music Festivals gewesen, das seit 1980 jährlich auf Einladung einer öffentlich-rechtlichen Rundfunkstation in einem der EBU-Mitgliedsländer stattfindet. Bzw. stattfand, denn schon 2017 klopfte die EBU an und fühlte vor, ob es eventuell möglich sein könnte, dass Rudolstadt das Euroradio Folk Festival längerfristig beherberge: Schließlich seien wir doch immer an ihm interessiert gewesen und die Stadt läge geografisch günstig, weil zentral in Europa. Im Sommer letzten Jahres verstärkte die EBU ihr Werben; im Herbst kam es dann in Genf zu konkreten Verhandlungen zwischen der EBU, dem angegliederten Folk Music Workshop, dem formalen potentiellen Gastgeber MDR sowie uns. Ergebnis: eine dreijährige Ehe auf Probe. Und bei der 2019-er Ausgabe 17 teilnehmende Solisten und Gruppen aus Belarus, Bulgarien, Deutschland, Estland, Finnland, Korea, Litauen, Norwegen, Österreich, Polen, Russland, Schweden, der Schweiz, Tschechien, der Türkei sowie der Ukraine.

Einer, der die beiden ersten EBU-Festivals beim MDR verantwortet hat, ging kur vor dem Festival in Ruhestand: Peter Eichler war für unser Festival auch der anchor man zu allen ARD-Anstalten. Das Rundfunkmachen ließ ihn aber nicht los: Für einen kleinen Privatsender in Leipzig gestaltet er weiterhin Sendungen und berichtet auch über unser Festival.

Der Weltmusikpreis RUTH ging an den hyperaktiven Hackbrett-Musiker Rudi Zapf (Hauptpreis für sein Lebenswerk), den Agenten Siegried Maeker für seine unschätzbaren Meriten um die Musik der Sinti und Roma in diesem Land (Ehrenpreis), an die Sephardics für ihre sefardischen Lieder in einem aufregend jazz-rockigen Gewand (Förder-RUTH) sowie an Gankino Circus aus Franken, die zehn Jahre zuvor als Straßenmusikband in Rudolstadt waren und seitdem mit ihrer Mischung aus Musikalität und Humor von Erfolg zu Erfolg geeilt sind (Festival-Preis).

Im Mittelpunkt des Mitmachtanzes stand die Bourrée und der Länderschwerpunkt war Iran. Letzteres befremdete einige, ist doch die politische Situation des Landes alles andere als einladend. Aber wir sind ein Musikfestival, und unbestritten ist, dass gerade der Iran eine sehr reichhaltige Musikkultur aufzuweisen hat. Und dass wir Künstler nicht in Sippenhaft mit einem Regime nehmen sollten, so menschenverachtend das auch sei. Deren Situation wurde beim Festival in Vorträgen und Podiumsdiskussionen thematisiert, so dass es letztlich ein ausgesprochen spannender Schwerpunkt wurde. Nicht nur deswegen bilanzierte Thomas Behlert die 2019-er Ausgabe des Rudolstadt-Festivals in der jungen welt so: „Möge die Internationalität, die Solidarität und der Kampf für eine bessere Welt in Thüringen nachwirken.“