Die Konferenz zum Länderschwerpunkt
FR 09:30 Bernard Bleibinger: Wie klingt „deutsch“? Die Frage danach, was in der Musik denn deutsch wäre, war sogar für Richard Wagner kaum zu beantworten: „Ich glaube mich zur weiteren Beantwortung der Frage, ‚was ist deutsch?‘, für unfähig halten zu müssen.“ Nicht minder problematisch gestaltet sich die Frage, ‚wie klingt deutsch?‘, da sie deutsche wie internationale Hörer betrifft und somit Eigen– und Fremdwahrnehmungen und-vorstellungen miteinschließt. Wie im Vortrag anhand von Beispielen der letzten 150 Jahre gezeigt wird, wurde ‚deutsch‘ mit musikalischen Qualitäten sowie außermusikalischen Merkmalen und Symbolen in Verbindung gebracht, die, je nach Kontext, zu unterschiedlichen Bedeutungsverschiebungen und Wertungen führen können.
Bernhard Bleibinger lehrte und forschte nach Abschluss der Promotion an Universitäten in München und Barcelona. Bis 2020 war er Professor an der University of Fort Hare (Südafrika), seitdem am Milà i Fontanals Institut für Geisteswissenschaften (Barcelona).
FR 10:15 Thomas Nußbaumer: Alpenländische Volksmusik in Bayern im Wechselspiel mit Österreich Der Beginn der Erforschung und Pflege ländlicher bzw bäuerlicher Musizierformen nahm in Bayern in den 1930er Jahren Fahrt auf. Persönlichkeiten wie Kiem Pauli, Annette Thoma oder Wastl Fanderl wurden zunächst von der österreichischen Volksliedbewegung inspiriert, und in der NS-Zeit war es die Musik des Salzburger Volksmusikers Tobi Reiser, dessen Formen der ‚Stubnmusi‘ in Bayern begeistert aufgegriffen wurde. Interessanterweise flossen diese Adaptionen wieder nach Österreich zurück und wurden dort stilbildend. Dieses Hin und Her, wie und wo sich (sogar unter Beteiligung von Rappern) solche Innovationen jeweils entwickelt haben, zeigt der Vortrag anhand von Film- und Tonaufnahmen.
Thomas Nußbaumer ist Professor für Volksmusikforschung und Leiter des Fachbereichs Musikalische Ethnologie des Mozarteums Salzburg, Standort Insbruck.
FR 11:30 Eva-Maria de Oliveira Pinto: “Mit einem Volksliede, da verfliegt das Unächte“ – Das deutsche romantische Lied als transkulturelles Modell Das deutsche romantische Lied ist in seiner gleichrangigen Verbindung von Text und Musik zum Modell geworden, das international von Musikschaffenden aller späteren Generationen zur Kenntnis genommen wurde und bis heute als Inspiration dient. Das zeigt sich in der Filmmusik, in der populären Musik und selbst im Folk.
Eva-Maria de Oliveira Pinto ist Musikwissenschaftlerin, Musikpädagogin und Kirchenmusikerin. Seit 2015 ediert sie die Reihe SoundingHeritage, bei der die Musik als Immaterielles Kulturerbe der Menschheit (UNESCO) im Mittelpunkt steht.
FR 12:15 Christian Storch: Deutschland, Deutschland in Brasilien? Musik zwischen Akkulturation und Pan-Germanismus in den deutschen Siedlungskolonien in Santa Catarina um 1900 Die weltweit seit Ende des 18ten Jahrhunderts entstandenen deutschen Siedlungskolonien boten pangermanischen Tendenzen einen fruchtbaren Boden. Musik deutscher Kapellen, deutsch-sprachige Theateraufführungen und das Feiern deutscher Jubiläen trugen dazu bei, den Deutschen in der neuen Heimat eine Verbindung „nach Hause“ zu erhalten. Sie führten bei Teilen der deutschen Bevölkerung auch dazu, Abspaltungstendenzen zu verstärken und den pangermanischen Anschluss an das Kaiserreich zu propagieren. Am Beispiel der deutschen Siedlungskolonien im südbrasilianischen Bundesstaat Santa Catarina um 1900 werden solche Tendenzen diskutiert und die Frage aufgeworfen, welche Rolle die Musik dabei spielte.
Dr. Christian Storch wurde 2009 wurde er an der Musikhochschule Weimar promoviert. Heute arbeitet er heute als Geschäftsführer der Gesellschaft für Kommunaldienstleistungen und Strukturentwicklung sowie Direktor des KurTheaters in Bad Liebenstein.
SA 09:00 Horst Rieche: Der Finkengesang im Harz Horst Rieche aus Hasselfelde ist einer der letzten Harzer Finkenmeister. Im Dialog mit Tiago de Oliveira Pinto und mit lautstarker Unterstützung von 1-2 Buchfinken wird die Faszination dieses Hobbys deutlich. Es wird aber auch darüber gesprochen werden, warum sich immer weniger junge Menschen für diese Tradition interessieren, zumal sie früher Volksfestcharakter hatte und sehr zum Gemeinschaftsgefühl eines Ortes beigetragen hat.
SA 10:00 Uhr Helen Hahmann: Der Harzer Roller wird gejodelt! Eine Klangexkursion ins deutsche Mittelgebirge Die Lieder zum Finkenmanöver sowie eine Auswahl weiterer harztypischer Klänge werden von einer musikalischen Delegation aus dem Harz präsentiert. Es treten auf: Die Harzromantiker vom Harzklub Zweigverein Ildehausen e.V. , die Jodelgruppe Ildehausen unter Leitung der Jodelmeisterin Marina Hein, und auf dem Birkenblatt spielen Klaus Wiens und Susanne Nehrig von der Folkloregruppe Harzer Roller aus Harlingerode.
Helen Hahmann lebt als Musikwissenschaftlerin, Hörfunkautorin und Audiobiografin in Halle (Saale). 2018 veröffentlichte sie ihre Dissertation Wir singen nicht, wir sind die Jodler über das Jodeln und die Jodlerwettstreite im Harz. Derzeit arbeitet sie als Redakteurin an der Kurzfilmserie #volltemperament. Sachsen-Anhalt in 24 Klängen.
SA 11:15 Tiago de Oliveira Pinto: UNESCO-Kulturerbe und Musik in Deutschland Musiktraditionen oder musikalische Kunstwerke haben es immer schwer gehabt, in ein schlüssiges Konzept von kulturellem Erbe zu passen. Erst mit dem verabschiedeten „Memory of the World“ – Programm von 1992 und mit der Konvention für den Erhalt des immateriellen Kulturerbes liegen seit 2003 der UNESCO vertragliche Instrumente vor, in der auch Musik als Kulturerbe berücksichtigt werden kann. Warum es dennoch mitunter schwerfällt, Musik als Kulturerbe zu fassen, und wie sich musikalische Praktiken in Deutschland dazu verhalten, darum geht es in dem Vortrag.
Tiago de Oliveira Pinto stammt aus São Paulo. Er ist Professor der Transcultural Music Studies, Musikproduzent und Kurator, und er war Inhaber des UNESCO Chair on Transcultural Music Studies am Institut für Musikwissenschaft der Hochschule für Musik Franz Liszt Weimar und der Friedrich Schiller Universität Jena.
SA 12:00 Stefanie Alisch: Musik der Welt in Deutschland: Netzwerke brasilianischer Perkussion
Seit den 1980er Jahren schaffen Perkussionsbegeisterte in Deutschland musikalische Infrastrukturen in Form von Probenräumen, Perkussionsgruppen, Sambafestivals und Karnevals, wo diese Klänge als Gruppenerfahrung gelebt werden. Dieser Beitrag öffnet das Panorama trans-regionaler Aktivitäten und Netzwerke afro-brasilianischer Perkussionspraxis in Deutschland fokussiert auf die Situation in Berlin.
Stefanie Alisch ist Musikwissenschaftlerin und DJ aus Berlin. Sie forscht zu Musik und Tanz im Black Altantic mit Schwerpunkten auf Sound System Epistemologies, den portugiesischsprachigen Bereich, Pleasure Politics und DJ Cultures. Aktuell leitet sie die Emmy-Noether-Forschungsgruppe Sound System Epistemologies.